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Wer war: Ernst Willimowski - genannt "Ezi"

Verfemt und vergessen: Ernst Willimowski aus Kattowitz war ein Weltklassestürmer und spielte die Gegner schwindlig und verdrehte so mancher Offenburger Tochter den Kopf, war der Flasche genau so angetan wie den Bällen und Frauen. Manchmal mußte er vor den Spielen des OFV in einer Kneipe eingesammelt werden. Aber negative Schlagzeilen beantwortete er mit Toren…

Ernst Otto Willimowski genannt "Ezi", wurde am 23. Juni 1916 in Kattowitz geboren. Bereits mit sechs Jahren trat er dem 1. FC Kattowitz bei - dem Verein der deutschen Minderheit in der seit 1922 zu Polen gehörenden Stadt Katowice - der wegen der „neuen Herren“ seinen alten deutschen Namen „Preußen 05“ hatte ablegen müssen. Auch aus Ernst hatten die neuen Umstände Ernest werden lassen. Beim in Muchowietz ansässigen 1. FC diente er sich hoch, und als 16-Jähriger erreichte ihn sogar die Berufung in die Stadtauswahl. Seinen Heimatverein, dem auch aufgrund zahlreicher Benachteiligungen mittlerweile der Boden für eine gedeihliche sportliche Entwicklung entzogen war, verließ Willimowski für eine Ablösensumme von 1.000 Zloty. Schon mit achtzehn Jahren stand er in der großen Meistermannschaft von Ruch Bismakhütte (Hajduki Wielkie/Chorzów), die 1934 bis 1936 und 1938 vier Meistertitel errangen und er zwei Mal Torschützenkönig (1934 und 1936) wurde. Doch schon bald wurde der Ostoberschlesier auch in Deutschland bekannt, als das polnische Erfolgsteam Ruch Bismarkhütte eine Reihe von Freundschaftsspielen im Reich austrug. Am 21. Mai 1934 debütierte er in der polnischen Nationalmannschaft, für die er insgesamt 22 Spiele absolvierte und insgesamt 21 Tore erzielte. Sein legendärstes Spiel dabei war zweifellos das WM-Achtelfinale 1938 in Frankreich gegen den hohen Favoriten Brasilien, das Polen erst in der Verlängerung mit 5:6 verlor und in dem er vier Tore! schoss.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen kehrte Ostoberschlesien zwar ans Deutsche Reich zurück, statt den Bismarckhüttern, die 1938 noch polnischer Meister wurden und die nun als BSV 99 antraten, wurden zunächst jedoch nur Lokalrivale Germania Königshütte (früher AKS, davor VfR), TuS Schwientochlowitz (zuvor Naprzod) und aus politischen Gründen der einst benachteiligte 1. FC Kattowitz in die Gauliga Schlesien aufgenommen. Die Bismarckhütter fanden erst 1941 Zugang zu dieser Spielklasse. Willimowski blieb zunächst in seiner Heimat, wurde Polizist, um der Einberufung in die Wehrmacht zu entgehen. Auf Vermittlung des Sachsen Erwin Helmchen heuerte Willimowski 1940 beim Chemnitzer Polizei SV an, wo er in den ersten sieben Spielen 35 Tore! erzielte. Er begann für die sächsische Ländermannschaft zu spielen, gemeinsam mit dem späteren deutschen Bundestrainer Helmut Schön. 1942 wechselte er jedoch zum TSV München 1860. Mit den „Löwen“ sollte der Ausnahmeathlet seinen einzigen deutschen Titel erringen. Im Berliner Endspiel um den „Tschammer-Pokal“ ebnete Willimowski durch sein 1:0-Torerfolg vor 80.000 Zuschauern den Weg zum 2:0-Titelgewinn über Schalke 04.

Es waren seine fußballerischen Glanzjahre, sein Beitritt zur NSDAP schadete seiner wachsenden Popularität im Reich gewiss nicht. In den Jahren 1941 und 1942 spielte Willimowski achtmal unter dem "Hakenkreuz" und erzielte 13 Tore - eine Traumbilanz. Der ganz große Ruhm im schwarz-weißen Dress blieb dem Oberschlesier nicht nur dadurch verwehrt, dass die deutsche Auswahl von 1943 bis 1950 durch die politischen Umstände bedingt nicht antrat. Trainer Sepp Herberger hatte gerade auf der halblinken Position mit Franz „Bimbo“ Binder (Rapid Wien) und dem späteren Bundestrainer Helmut Schön (Dresdner SC) hochkarätige Alternativen. Zudem musste Herberger den smarten Ezi nicht selten ermahnen: „Vor dem Spiel keine Liebe, kein Alkohol.“

Nach Kriegsende blieb Willimowski in Deutschland und knüpfe erneut Kontakt mit Chemnitz. Da dort die alten Vereine nicht wiedergegründet werden durften, trat er nun für die SG Chemnitz-West an. In einer Zeit der sogenannten „Kartoffelspiele“, in denen ein Sack Kartoffeln Anreiz zum Tingeln über die Dörfer war, fand er zunächst keine sportliche Heimat. Über Rapid Kassel, die SpVgg. Saxonia 07 Hameln, den TSV Detmold und den BC Augsburg (obwohl er sich bei Hameln 07 angemeldet hatte) führte ihn sein Weg zum Süd-Zonenligisten nach Offenburg. Im Jahre 1948 stieß Augsburg Ernst Willimowski wegen sittenwidrigen Verhaltens nach einer Gerichtsverhandlung (drei Jahre mit Bewährung) aus dem Verein aus und der Deutsche Fußball Bund sperrte ihn lebenslänglich, begnadigte ihn jedoch wieder.

Es war ein bewegtes Spieljahr 1949/50, sowohl für Aktive als auch für die Vereinsführung des Offenburger FV. Am 01. Juli 1949 trat der ehemalige Nationalspieler Ernst Willimowski dem Verein bei. Da er wegen verschiedener Vorkommnisse vom DFB auf Lebenszeit vom Spielverkehr ausgeschlossen worden war, beschloß Willimowski ins Ausland zu wechseln. Von dieser Idee erfuhr man auch in Offenburg. Kurzum, der spätere OFV-Vorsitzende Johannes Hartnagel fing den Schlesier bei seinem Weg vom BC Augsburg zu Racing Straßburg auf der Rheinbrücke in Kehl ab und brachte ihn nach Offenburg. Hier beglichen sie seine Schulden. Zunächst konnte Willimowski aber nicht eingesetzt werden. Trotzdem unternahm die Vereinsleitung alles, um ein Spielrecht zu erwirken. Zu Beginn der Pflichtspiele stand der OFV immer im unteren Tabellendrittel. Erst als Ernst Willimowski ab dem 04. Dezember 1949 endlich in der Mannschaft eingesetzt werden konnte, gab dies der Elf gewaltigen Auftrieb.
In Offenburg lebte Willimowski in der Langestraße. Er war aber mehr als ein großer Stürmer, er war auch ein unangepasster, lebensfroher Mensch, der Flasche genau so angetan wie den Bällen und Frauen. Manchmal musste er vor den Spielen des OFV in einer Kneipe eingesammelt werden. Er spielte die Gegner schwindlig und verdrehte so mancher Offenburger Tochter den Kopf. Negative Schlagzeilen beantwortete er mit Toren. Fußballerisch war der Rothaarige mit den Sommersprossen und den markanten Segelohren ein feiner Techniker, der seine Gegenspieler reihenweise mit Körpertäuschungen oder Drehungen narrte und dann entweder hart mit rechts, aber vor allem gefühlvoll mit links einnetzte. Kopfbälle vermied er fast völlig. Wie sehr Ernst Willimowski den Fußball liebte, zeigt auch die Tatsache, dass er 1951 zu seiner Hochzeit mit seiner Frau Klara Mehne - Tochter des "Salmen"-Wirtes - in Offenburg mit dem Auto vom Training von der "Stegermatt" abgeholt werden musste! Er, der so viele mit seinen Anekdoten zum lachen gebracht hatte, wurde mehr und mehr zu einem Wrack. Zerfressen von Alkohol verschwand Willimowski ohne Abschied , quasi über Nacht. Aber viele ältere Fußballfreunde Offenburgs schwärmen heute noch von Willimowskis Auftritte auf dem damaligen Stegermattsportplatz. Manchen schien es so, als benötigte er keine Mitspieler, als wolle und könnte er den gegner allein besiegen.  


Nach einer kurzen Station beim FC Singen 04 spielte er in den fünfziger Jahren noch für den VfR Kaiserslautern. Als Spielertrainer beim Kehler FV hing Willimowski seine Schlappen endgültig an den Nagel. Als Trainer betreute er später noch die unterklassigen Vereine SV Gengenbach, TuS Rammersweiler oder den SV Ulm. Dort hatte 1959 die 1. Mannschaft den Aufstieg in die A-Klasse geschafft. Nachdem die Mannschaft erst ohne Trainer spielte, übernahm Willimowski im Oktober 1959 das Ruder und schaffte den Klassenerhalt.

Er hat sich wohl nie wirklich für Politik interessiert, wie die meisten anderen Fußballer. Dass er indirekt dennoch dem NS-System diente, dürfte unbestritten sein. Die Polen hingegen ließen kein gutes Haar an ihm. Zuerst wurde sein Name aus den polnischen Fußballstatistiken gestrichen. Später hat die offizielle Propaganda versucht, seine Leistung zu relativieren. Im Alter von 81 Jahren verstarb er am 30. August 1997 in Karlsruhe. Auf dem Karlsruher Hauptfriedhof kann man einen eher unscheinbaren Grabstein mit der Inschrift "Ernst Wilimowski 1916-1997" finden. Was kaum einer der Friedhofsbesucher weiß: Willimowski (mit einem polnischen oder zwei deutschen "l" geschrieben) war ein echter Superstar der Fußballgeschichte.

Übrigens konnte das Gerücht, dass Ernst Willimowski angeblich an einem Fuß sechs Zehen gehabt haben sollte, nie ganz eindeutig aufgeklärt werden.

(Copyright 2018 - Sven Steppat)